99. O welt! sieh hier dein leben

1 O welt! sieh hier dein leben
Am stamm des creutzes schweben,
Dein heil sinke in den tod;
Der grosse fürst der ehren
Läßt willig sich beschweren,
Mit schlägen hohn und grossen spott.

2 Tritt her und schau mit fleisse,
Sein leib ist ganz mit schweisse
Des blutes überfüllt;
Aus seinem adlen herzen,
Für unerschöpften schmerzen
Ein feufzer nach dem andern quillt.

3 Wer hat dich so geschlagen,
Mein heil, und dich mit plagen
So übel zugericht?
Du bist ja nicht ein sünder,
Wie wir und unsre kinder,
Von eigner sünde weißt du nicht.

4 Ich, ich und meine sünden,
Die sich wie körnlein finden
Des sandes an dem meer,
Die haben dir erreget
Das elend, das dich schläget
Und das betrübte marterheer.

5 Ich bin's, ich sollte büssen
An händen und an füssen,
Gebunden in der höll:
Die geisseln und die banden,
Und was du ausgestanden,
Das hat verdienet meine seel.

6 Du nimmst auf deinen rücken
Die lasten, so mich drücken
Viel schwerer als ein stein.
Du bist ein fluch, dargegen
Verehrst du mir den segen,
Dein schmerzen muß mein labung seyn.

7 Du setzest dich zum bürgen,
Ja lässest dich gar würgen,
Für mich und meine schuld;
Für mich läß'st du dich krönen
Mit dornen, die dich höhnen,
Und leidest alles mit geduld.

8 Du springst ins todes rachen,
Mich los und frey zu machen
Von solchem ungeheur:
Mein sterben nimst du abe,
Vergräbst es in dem grabe,
O unerhörtes liebes-feur.

9 Ich bin, mein heil, verbunden
All augenblick und stunden
Dir überhoch und sehr,
Was leib und seel vermögen,
Das soll ich billig legen
Allzeit an deinen dienst und ehr.

10 Nun ich kan nicht viel geben
In diesem armen leben,
Eins aber will ich thun:
Es soll dein tod und leiden,
Bis leib und seele scheiden,
Mir stets in meinem herzen ruhn.

11 Ich wills vor augen setzen,
Mich stets daran ergetzen,
Ich sey auch wo ich sey:
Es soll mir seyn ein spiegel
Der unschuld, und ein siegel,
Der lieb und unverfälschten treu.

12 Wie heftig unsre sünden
Den frommen Gott entzünden,
Wie rach und eifer gehn;
Wie grausam seine ruthen,
Wie zornig seine fluthen,
Will ich aus diesem leiden sehn.

13 Ich will daraus studieren,
Wie ich mein herz soll zieren
Mit stillem sanftem muth,
Und wie ich die soll lieben,
Die mich so sehr betrüben
Mit werken, so die bosheit thut.

14 Wenn böse zungen stechen,
Mir glimpf und namen brechen,
So will ich zähmen mich,
Das unrecht will ich dulden,
Dem nächsten seine schulden,
Verzeihen gern und williglich.

15 Ich will mich mit dir schlagen
Aus creutz, und dem absagen,
Was meinem fleisch gelüst;
Was deine augen hassen,
Das will ich fliehn und lassen,
So viel mir immer möglich ist.

16 Dein seufzen und dein stöhnen,
Und die viel tausend thränen,
Die dir geflossen zu,
Die sollen mich am ende
In deinen schooß und hände
Begleiten zu der ew'gen ruh.

Text Information
First Line: O welt! sieh hier dein leben
Language: German
Publication Date: 1826
Topic: Passions-Gesange; Passion Songs
Notes: Mel. Nun ruhen alle wäld
Tune Information
(No tune information)



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