115. Jesum in Cruce!

Betrachtung:
1 O Welt! sieh hier dein Leben
am Stamm des Kreuzes schweben,
dein Heil sinkt in den Tod;
der große Fürst der Ehren
läßt willig sich beschweren,
mit Schlägen Hohn und großem Spott.

2 Tritt her und schau mit Fleiße,
sein Leib ist ganz mit Schweiße
des Blutes überfüllt.
Aus seinem edlen Herzen
für unerschöpsten Schmerzen
ein Seufzer nach dem andern quillt.

3 Wer hat Dich so geschlagen,
mein Heil und Dich mit Plagen
so übel zugericht't?
Du bist ja nicht ein Sünder,
wie wir und unsre Kinder,
von Missethaten weißt Du nicht.

4 Ich, ich und meine Sünden,
die sich wie Körnlein finden
des Sandes an dem Meer,
die haben Dir erreget
das Elend, das Dich schläget
und das betrübte Marter-Heer.

5 Ich bins, ich sollte büßen
an Händen und an Füßen,
gebunden in der Höll:
die Geißeln und die Banden,
und was Du ausgestanden,
das hat verdienet meine Seel'.

6 Du nimmst auf Deinen Rücken
die Lasten, so mich drücken
viel schwerer als ein Stein.
Du bist ein Fluch, dargegen
verehrst Du mir den Segen,
Dein Schmerzen muß mein Labsal sein.

7 Du setzest Dich zum Bürgen,
ja läss'st Dich gar erwürgen
für mich und meine Schuld:
mir lässest Du Dich crönen
mit Dornen, die Dich höhnen,
und leidest alles mit Geduld.

8 Du springst in's Todes-Rachen,
mich frei und los zu machen
von solchem Ungeheu'r:
mein Sterben nimst Du abe,
vergräbst es in dem Grabe,
o unerhörtes Liebes-Feu'r!

Danksagung:
9 Ich bin, mein Heil, verbunden
all' Augenblick und Stunden
Dir überhoch und sehr:
was Leib und Seel' vermögen,
das soll ich billig legen
all'zeit an Deinen Dienst und Ehr.

10 Nun, ich kann nicht viel geben
in diesem armen Leben,
eins aber will ich thun:
es soll Dein Tod und Leiden,
bis Leib und Seele scheiden,
mir stets in meinem Herzen ruhn.

Anwendung:
11 Ich wills für Augen setzen,
mich stets daran ergötzen,
ich sei auch wo ich sei:
Es soll mir sein ein Spiegel
der Unschuld, und ein Siegel
der Lieb' und unverfälschten Treu.

12 Wie heftig unsre Sünden
den frommen Gott entzünden,
wie Rach' und Eifer gehn:
wie grausam seine Ruthen,
wie zornig seine Fluthen,
will ich aus diesem Leiden sehn.

13 Ich will daraus studiren,
wie ich mein Herz soll zieren
mit stillem sanftem Muth,
und wie ich die soll lieben,
die mich so sehr betrüben
mit Werken, so die Bosheit thut.

14 Wenn böse Zungen stechen,
mir Glimpf und Namen brechen,
so will ich zähmen mich;
das Unrecht will ich dulden,
dem Nächsten seine Schulden,
verzeihen gern und williglich.

15 Ich will mich mit Dir schlagen
aus Creuz und dem absagen,
was meinem Fleisch gelüst't.
Was Deine Augen hassen,
das will ich fliehn und lassen,
so viel mir immer möglich ist.

16 Dein Seufzen und Dein Stöhnen,
und die viel tausend Thränen,
die Dir geflossen zu,
die sollen mich am Ende
in Deinen Schooß und Hände
begleiten zu der ew'gen Ruh.

Text Information
First Line: O Welt! sieh hier dein Leben
Title: Jesum in Cruce!
Author: Paul Gerhard (1676)
Language: German
Publication Date: 1848
Topic: Vom Leiden, Sterben und Begräbniß unsers Herrn Jesu Christi; Suffering, Dying and Burial of Christ
Notes: Mel. Nun ruhen alle Wälder
Tune Information
(No tune information)



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